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Nightlife-Blog: War Heroin früher wirklich besser?

«Früher war das Heroin viel stärker.» Diesen Satz hören wir bei CONTACT Nightlife immer wieder von älteren Konsumierenden. Doch stimmt das tatsächlich? Im Rahmen des 40-Jahre-Jubiläums des weltweit ersten Drogenkonsumraums haben wir historische Analysewerte ausgewertet und mit aktuellen Drug-Checking-Daten verglichen. Das Ergebnis überrascht.

«Früher war das Heroin viel stärker und besser» – Wahrheit oder Mythos?

861 Heroinproben aus über drei Jahrzehnten

Bereits Anfang der 1990er-Jahre liess CONTACT Heroinproben analysieren. Weitere Datensätze stammen aus den Jahren 1999 bis 2001 sowie aus den kontinuierlichen Analysen seit 2014. Insgesamt konnten 861 Heroinproben aus der CONTACT Anlaufstelle Bern sowie aus dem stationären Drug Checking in Bern und Biel ausgewertet werden.

Ergänzt wurden diese Daten durch die nationalen Analysen der Strafverfolgungsbehörden, welche die Zusammensetzung beschlagnahmter Heroinproben seit Ende der 1990er-Jahre dokumentieren.

 

Überraschend konstante Qualität

Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Der Heroingehalt hat sich über die letzten Jahrzehnte deutlich weniger verändert als oft angenommen.

Seit Ende der 1990er-Jahre bewegt sich der durchschnittliche Wirkstoffgehalt meist zwischen 20 und 30 Prozent. Auch die ältesten verfügbaren CONTACT-Daten aus den Jahren 1991 und 1992 liegen mit rund 27 beziehungsweise 22 Prozent in einem ähnlichen Bereich wie heutige Werte.

Einzig das Jahr 1993 sticht deutlich heraus. Damals erreichte der durchschnittliche Heroingehalt in den analysierten Berner Proben knapp 51 Prozent. Ob es sich dabei um ein aussergewöhnliches Marktgeschehen oder um eine vorübergehende Entwicklung handelte, lässt sich aufgrund fehlender Daten aus den Folgejahren heute nicht mehr abschliessend beurteilen.

Die verbreitete Annahme, Heroin sei früher grundsätzlich stärker gewesen, wird durch die verfügbaren Daten jedenfalls nicht bestätigt.

 

Unterschiede zwischen den Konsumorten

Interessant sind auch die Unterschiede zwischen den untersuchten Proben. Heroinproben von CONTACT Anlaufstelle weisen im Durchschnitt einen tieferen Wirkstoffgehalt auf als Proben aus dem stationären Drug Checking.

Eine mögliche Erklärung: Konsumierende strecken die Substanz teilweise selbst weiter, um den Konsum finanzieren zu können. Sicher belegen lässt sich dies allerdings nicht.

 

Paracetamol, Koffein und andere Streckmittel

Neben dem eigentlichen Wirkstoff enthalten Heroinproben häufig verschiedene Streckmittel. Über die Jahre wurden vor allem Paracetamol und Koffein verwendet. In älteren Proben tauchte teilweise auch Lidocain auf, ein Lokalanästhetikum, das heute kaum noch nachgewiesen wird.

Die Zusammensetzung kann sich von Probe zu Probe stark unterscheiden. Genau deshalb bleiben Analysen wichtig: Nicht nur der Heroingehalt, sondern auch die beigemischten Stoffe beeinflussen Risiken und Wirkungen.

 

Weniger Heroin – höhere Preise

Während sich die Qualität erstaunlich stabil zeigt, hat sich ein anderer Wert deutlich verändert: der Preis.

Seit 2022 erhebt CONTACT Nightlife systematisch die Preise, die Konsumierende für Heroin bezahlen. Hochgerechnet auf den Wirkstoffgehalt zeigt sich ein markanter Anstieg. Innerhalb von vier Jahren verteuerte sich Heroin um rund 63 Prozent.

Diese Entwicklung deckt sich mit internationalen Beobachtungen. Als möglicher Einflussfaktor gilt das seit 2023 konsequent durchgesetzte Anbauverbot für Schlafmohn in Afghanistan, dem weltweit wichtigsten Herkunftsland für Heroin.

 

Eine neue Herausforderung: synthetische Opioide

International wird die Verknappung von Heroin zunehmend durch hochpotente synthetische Opioide kompensiert. Diese Substanzen können bereits in sehr kleinen Mengen lebensgefährlich sein und stellen Fachstellen weltweit vor neue Herausforderungen.

Bislang beobachten wir in der Schweiz keine vergleichbare Entwicklung wie in Nordamerika. Die Situation wird jedoch aufmerksam verfolgt.

 

War Heroin früher also besser?

Die Daten liefern keine eindeutige Bestätigung für die oft gehörte Aussage, dass Heroin früher stärker gewesen sei. Vielmehr zeigt sich ein erstaunlich stabiles Bild über mehrere Jahrzehnte hinweg.

Gleichzeitig hängt die wahrgenommene Wirkung einer Substanz nicht allein vom Wirkstoffgehalt ab. Auch Faktoren wie Konsumerfahrung, Toleranzentwicklung, Erwartungen oder das persönliche Umfeld beeinflussen das Erleben einer Substanz erheblich.

Die Auswertung macht vor allem eines deutlich: Langfristige Datenerhebungen und Drug-Checking-Angebote schaffen Wissen, das sonst verloren gehen würde. Sie helfen dabei, Entwicklungen auf dem Drogenmarkt früh zu erkennen und Risiken besser einzuschätzen – heute genauso wie vor 40 Jahren.

 

Autor: Thomas Koller, Leiter CONTACT Nightlife

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